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NEUES THEMA13.09.2020, 19:40 Uhr
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arktika

• Deutschlands pazifische Vergangenheit Aus Anlass der neuen "Indo-Pazifik"-Offensive Berlins ruft german-foreign-policy.com die mörderische deutsche Kolonialvergangenheit am Pazifik in Erinnerung. Dies ist die erste mehrerer Folgen:

Deutschlands pazifische Vergangenheit (I)
Das brutalste deutsche Massaker im Kolonialkrieg in China fand heute vor 120 Jahren statt - in der Kleinstadt Liangxiang.

(Eigener Bericht) - Heute vor 120 Jahren begingen deutsche MilitĂ€rs das furchtbarste Massaker ihres Kolonialkriegs in China. Unter dem Vorwand, gegen AufstĂ€ndische vorgehen zu wollen, beschossen Soldaten zweier deutscher Seebataillone Wohngebiete in der Kleinstadt Liangxiang sĂŒdwestlich von Beijing und brachten nach der Eroberung alle mĂ€nnlichen Bewohner um. Die Einwohnerzahl wurde auf 3.000 bis 4.000 geschĂ€tzt. Dem Massaker von Liangxiang folgten im Rahmen der Niederschlagung des "Boxeraufstands" noch viele weitere. Kriegsrechtliche Normen galten nach Auffassung Berlins lediglich fĂŒr "zivilisierte" Nationen und wurden, da China und seine Bevölkerung nicht als solche eingestuft wurden, im deutschen Kolonialkrieg dort nicht berĂŒcksichtigt. Die Mordbrennereien der deutschen Truppen in China weisen klare Parallelen zur kolonialen KriegfĂŒhrung des Deutschen Reichs in den afrikanischen Kolonien auf. - Aus Anlass der neuen "Indo-Pazifik"-Offensive Berlins ruft german-foreign-policy.com die mörderische deutsche Kolonialvergangenheit am Pazifik in Erinnerung.

Mobilisierung gegen Beijing

Als die deutschen Truppen, die nur wenig spĂ€ter das Massaker von Liangxiang begingen, am 15. August 1900 in China eintrafen, war die Niederschlagung des Boxeraufstands lĂ€ngst voll im Gang. Die Rebellion gegen die KolonialmĂ€chte aus Europa, Japan und den USA hatte im Juni 1900 auf Beijing ĂŒberzugreifen begonnen. Mitte Juni nahmen die AufstĂ€ndischen nach Provokationen auslĂ€ndischer Diplomaten - auch des deutschen Gesandten Clemens von Ketteler, der persönlich mehrere AufstĂ€ndische erschoss - das Gesandtschaftsviertel in der Hauptstadt ins Visier. Der Aufstand eskalierte zum Krieg, als am 20. Juni regulĂ€re chinesische Soldaten begannen, das Gesandtschaftsviertel zu belagern. In Europa hatte die Mobilisierung freilich einige Tage frĂŒher begonnen. Den Anlass lieferte ein am 16. Juni in der Londoner Daily Mail erschienener Bericht, in dem gĂ€nzlich unzutreffend behauptet wurde, AufstĂ€ndische hĂ€tten das Gesandtschaftsviertel gestĂŒrmt und dort sĂ€mtliche AuslĂ€nder ermordet - eine KriegslĂŒge, wie man sie heute noch kennt. Versuchten die KolonialmĂ€chte zunĂ€chst mit in der Region befindlichen Truppen zu intervenieren, Deutschland etwa mit Einheiten aus seinem "Pachtgebiet Kiautschou" (Qingdao), so setzte in der zweiten JunihĂ€lfte auch im Reich eine umfassende Mobilisierung ein. Am 27. Juli verabschiedete Kaiser Wilhelm II. in Bremerhaven das Ostasiatische Expeditionskorps - als Kontingent einer internationalen Interventionsmacht unter FĂŒhrung des deutschen Generalfeldmarschalls Alfred von Waldersee. Seine damalige Rede ist als "Hunnenrede" bekannt.[1]

Ermordet, geplĂŒndert, niedergebrannt

Bereits zuvor, am 2. Juli 1900, hatte die Reichsregierung, um möglichst rasch intervenieren zu können, das Erste und das Zweite Seebataillon nach China ausgeschifft; die beiden Einheiten, die jeweils um die tausend Mann umfassten, waren einige Jahre zuvor eigens als Spezialtruppen fĂŒr Interventionen in den deutschen Kolonien geschaffen worden.[2] Als die zwei Seebataillone die chinesische Hafenstadt Tianjin erreichten, hatten StreitkrĂ€fte der KolonialmĂ€chte soeben die Belagerung des Gesandtschaftsviertels in Beijing niedergeschlagen und sofort mit der PlĂŒnderung der chinesischen Hauptstadt begonnen, ĂŒber die Paula von Rosthorn, Ehefrau des GeschĂ€ftstrĂ€gers der österreichischen Gesandtschaft, spĂ€ter berichtete: "Erbarmungslos wurde alles niedergemacht, MĂ€nner, Frauen und Kinder, alles Wertvolle geraubt und dann die HĂ€user in Brand gesteckt."[3] Tausende Chinesen wurden ermordet; geplĂŒnderte Waren wurden oft versteigert, der Ertrag wurde zur Finanzierung der Besatzungskosten genutzt oder an die Soldaten der KolonialmĂ€chte verteilt. Das Erste Seebataillon traf am 23. August in Beijing ein, das Zweite Seebataillon folgte am 1. September. Zur Einrichtung ihrer Quartiere raubten die deutschen MilitĂ€rs, wie es in einer Studie ĂŒber ihren Einsatz heißt, "vornehmlich chinesische Tempel aus".[4] Das Erste Seebataillon gab seinen Einstand am 27. August mit einem Massaker an 76 Chinesen, die vor der Erschießung - an ihren Zöpfen zusammengebunden - gezwungen worden waren, ihre eigenen GrĂ€ber auszuheben.

Wahllos erschossen

Das furchtbarste Massaker der deutschen Kolonialtruppen in China begingen Soldaten der beiden Seebataillone bereits am 11. September 1900, einen Tag, bevor das Ostasiatische Expeditionskorps unter Generalfeldmarschall von Waldersee in Tianjin eintraf. Anlass waren angebliche SchĂŒsse auf eine deutsche Patrouille von den WĂ€llen der Kleinstadt Liangxiang im SĂŒdwesten Beijings. Am folgenden Tag - ebenjenem 11. September - rĂŒckten die deutschen MilitĂ€rs auf Liangxiang vor; sie erhielten dabei UnterstĂŒtzung von rund 50 Reitern der britisch-indischen Kolonialtruppen.[5] Mit hoch ĂŒberlegenen Waffen ausgestattet, eroberten sie zunĂ€chst einen PagodenhĂŒgel vor Liangxiang, von dem aus sie die chinesische Verteidigung an den WĂ€llen unter Beschuss nehmen konnten; sie feuerten dabei Berichten zufolge auch wahllos in Wohngebiete und auf fliehende Chinesen. Anschließend folgte der Sturm auf die Stadt, die ohne weiteres eingenommen werden konnte. Die HĂ€user wurden systematisch durchkĂ€mmt; "Krieger, die noch gruppenweise mit Waffen und widerstandsleistend angetroffen wurden, band man mit den Zöpfen aneinander, fĂŒhrte sie vor die Stadt und erschoss sie dort kriegsrechtlich", heißt es in einem Korrespondentenbericht.[6]

Systematisch umgebracht

TatsĂ€chlich wurden im Rahmen der sogenannten Strafexpedition nicht nur gefangengenommene AufstĂ€ndische ermordet, sondern alle mĂ€nnlichen Bewohner. So berichtet ein Augenzeuge, es seien "sĂ€mtliche MĂ€nner, die in der Stadt waren und dort nicht bereits ihr Schicksal gefunden hatten, an die Mauer gestellt und erschossen worden". Die Gesamtzahl der Einwohner Liangxiangs wird auf etwa 3.000 bis 4.000 geschĂ€tzt. "Die gesamte Strafexpedition", urteilt der Historiker Bernd Martin, "kam eher einem Manöver mit scharfer Munition an lebenden Zielscheiben gleich als einer Kampfhandlung"; "die deutschen Verluste, ein getöteter Seesoldat und vier Leichtverletzte", hĂ€tten "zahlenmĂ€ĂŸig den bei Manövern ĂŒblichen UnfĂ€llen" entsprochen.[7] Nach der Beendigung des Massenmords zogen die zwei deutschen Seebataillone wieder ab, allerdings nicht, ohne zuvor noch die Ruinen von Liangxiang in Brand gesetzt zu haben. In einer Darstellung eines an dem Massaker beteiligten deutschen Oberleutnants heißt es zur BegrĂŒndung: "Die deutsche Minderheit musste rĂŒcksichtslos vorgehen, um dem schĂ€ndlichen Treiben der Boxer ein fĂŒr allemal ein Ende zu machen."[8]

"Zivilisierte" Nationen

Dem Massaker von Liangxiang folgten noch zahlreiche weitere. FĂŒr die damalige Provinz Zhili rings um die Hauptstadt zĂ€hlen Historiker 76 sogenannte Strafexpeditionen, von denen 51 alleine von deutschen Truppen durchgefĂŒhrt wurden; an den anderen waren deutsche Soldaten hĂ€ufig ĂŒberproportional beteiligt. Man begrĂŒndete sie - außer mit dem Vorgehen gegen tatsĂ€chliche oder angebliche AufstĂ€ndische - zuweilen auch mit Vergeltung fĂŒr Angriffe von Rebellen auf deutsche MilitĂ€rs. Üblicherweise wurde bei den "Strafexpeditionen" nach - angeblichen - AufstĂ€ndischen gefahndet, die anschließend an die lokalen Behörden ĂŒbergeben oder gleich ermordet wurden; "Massenexekutionen waren die Regel", heißt es in einer Untersuchung ĂŒber die Mordbrennereien der deutschen Soldaten.[9] An die kriegsrechtlichen Normen der Haager Friedenskonferenz von 1899 fĂŒhlten sich die deutschen StreitkrĂ€fte nicht gebunden - diese galten nur fĂŒr "zivilisierte" Nationen, zu denen China und seine Bevölkerung laut Auffassung der KolonialmĂ€chte nicht zĂ€hlten. Nicht wenige deutsche Soldaten, die an den Massakern in China beteiligt waren, nahmen spĂ€ter an Kolonialkriegen im heutigen Namibia und im heutigen Tansania teil. Zudem weisen die Massaker Parallelen zu "Strafexpeditionen" deutscher Kolonialtruppen in den 1890er Jahren in Afrika auf.[10] Unter den Nachfahren der TĂ€ter sind die deutschen Kolonialverbrechen weithin in Vergessenheit geraten, unter den Nachfahren der Opfer - in Afrika wie in China - freilich nicht.


am 11. September auf gfp unter
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