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NEUES THEMA03.07.2025, 17:09 Uhr
EDIT: arktika
03.07.2025, 17:12 Uhr
Nutzer / in
arktika

• Die Unsichtbarmachung von Frauen in den Wissenschaften ... auch genannt: DER MATILDA-EFFEKT!
(Manchmal findet man beim Stöbern in Àlteren Texten doch noch so Einiges, was man lesen und verbreiten sollte ..., z. B. diesen Text vom 10. Feb. 2023 von Lisa Lamm auf nationalgeographic.de )


Der Matilda-Effekt: Wie Frauen in der Wissenschaft unsichtbar werden

Erfinder, Astrophysiker oder Philosophen: In der Vergangenheit wurden wissenschaftliche Errungenschaften vor allem bekannten MĂ€nnern zugeschrieben. BeitrĂ€ge von Frauen blieben oftmals unsichtbar – das beeinflusst die Wissenschaftsszene bis heute.


Im Jahr 1945 erhielt Otto Hahn fĂŒr die Entdeckung der Kernspaltung den Nobelpreis fĂŒr Chemie. Seine langjĂ€hrige Kollegin, die Physikerin Lise Meitner, ging leer aus – und das, obwohl ihr Wissen und ihre Arbeit unabdingbar fĂŒr die preisgekrönte Entdeckung waren.

Mit dieser Auslassung ist Lise Meitner nicht alleine. Zahlreiche Wissenschaftlerinnen erlitten im Laufe der Geschichte das gleiche Schicksal: Ihre Errungenschaften wurden in der Wissenschaftsgeschichte vergessen, ausgeklammert oder ignoriert. Diese systematische Diskrimierung ist so weit verbreitet, dass sie sogar einen Namen hat: Matilda-Effekt.

Was ist der Matilda-Effekt?

Namensgeberin des PhĂ€nomens ist die US-amerikanische Frauenrechtlerin, Aktivistin und Soziologin Matilda Joslyn Gage. Im Jahr 1870 schrieb sie ein Pamphlet mit dem Titel Woman as Inventor – Frauen als Erfinderinnen – und verurteilte die damals weit verbreitete Idee, Frauen besĂ€ĂŸen keinen erfinderischen Drang und kein wissenschaftliches Talent: „Solche Aussagen werden leichtfertig oder unwissend gemacht. Dabei beweisen Tradition, Geschichte und Erfahrung, dass Frauen diese FĂ€higkeiten in höchstem Maße besitzen“, heißt es in dem Essay.

Dieses Pamphlet fiel etwa hundert Jahre spĂ€ter der Historikerin Margaret Rossiter in die HĂ€nde, die seither in mehreren BĂŒchern die Errungenschaften vergessener Wissenschaftlerinnen aufbereitet hat. In einem Essay aus dem Jahr 1993 mit dem Titel The Matilda Effect in Science nahm sie auf Gage Bezug und taufte das PhĂ€nomen der nicht beachteten Wissenschaftlerinnen auf ihren Namen. „JĂŒngste Arbeiten haben so viele historische und aktuelle FĂ€lle von Wissenschaftlerinnen ans Licht gebracht, die ignoriert wurden, denen die Anerkennung verweigert wurde oder die anderweitig aus dem Blickfeld gerieten, dass hier ein geschlechtsgebundenes PhĂ€nomen vorzuliegen scheint“, schrieb Rossiter damals.

Und tatsĂ€chlich: Das Problem geht tief. „Oft ist es der Nobelpreis, den eine Wissenschaftlerin nicht bekommen hat, aber es ist viel mehr als das“, sagt Katie Hafner, Journalistin und leitende Produzentin des Podcastprojekts Lost Women of Science. „Es geht darum, nicht in einer Studie genannt zu werden; nur ein Sternchen oder eine Fußnote zu sein.“ In der Datenbank zu Lost Women of Science gibt es laut ihr Hunderte Wissenschaftlerinnen, die dem Matilda-Effekt zum Opfer fielen. „Das Problem, dass die Anerkennung nur an MĂ€nner geht, besteht schon extrem lange“, sagt Hafner. „Es ist wirklich eine Tragödie“.

Fehlende Anerkennung fĂŒr Wissenschaftlerinnen

Auch bei Lise Meitner geht es um mehr als nur den Nobelpreis. Obwohl sie von ihren Eltern – vor allem von ihrem Vater – ihr ganzes Leben lang unterstĂŒtzt wurde, musste sie sich als jĂŒdische Wissenschaftlerin ihre Stellung in der Wissenschaft hĂ€rter erarbeiten als ihre mĂ€nnlichen Kollegen. Als Otto Hahn 1945 den Nobelpreis fĂŒr Chemie erhielt, wurde sie nicht nur nicht geehrt, sondern befand sich auch im Exil in Stockholm.

Dabei war das Ausmaß der Wichtigkeit von Meitners Forschung fĂŒr die Entdeckung der Kernspaltung lange Zeit nicht bekannt. „Wenn man sich die Korrespondenz zwischen Hahn und Meitner ansieht, kann man aber erkennen, dass er tatsĂ€chlich nur sehr wenig von der Physik verstand“, sagt Hafner. Die Autorin Marissa Moss hat diesen Umstand aufgearbeitet und erzĂ€hlt mit The Woman who split the Atom die Geschichte von Lise Meitners Kampf um ihren Platz in der Wissenschaftsgeschichte neu. Auch ihr Einsatz fĂŒr den nuklearen Frieden und ihr Entsetzen darĂŒber, fĂŒr was ihre Entdeckung letztendlich – wieder von anderen MĂ€nnern – genutzt wurde, wird in dem Buch aufgegriffen.

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"Das Problem, dass die Anerkennung nur an MÀnner geht, besteht schon extrem lange. Es ist wirklich eine Tragödie."

von Katie HafnerJournalistin und Produzentin von Lost Women of Science.
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Doch woher kam diese fehlende BerĂŒcksichtigung der Arbeit von Wissenschaftlerinnen ĂŒberhaupt? „Ich wĂŒrde sagen, das liegt daran, dass Frauen lange in Positionen waren, in denen sie nicht als Autorinnen von Studien auftreten konnten“, sagt Hafner. Das habe sich erst in den letzten Jahrzehnten langsam geĂ€ndert. Davor bekamen Wissenschaftlerinnen meist nur Assistenzstellen oder arbeiteten als SekretĂ€rinnen, wurden nicht zu Dekaninnen oder Lehrstuhlinhaberinnen ernannt. Dazu mussten sie oft zusĂ€tzlich die Rolle der Hausfrau und Mutter ĂŒbernehmen und wurden generell weniger ernst genommen als ihre mĂ€nnlichen Kollegen.

Ein weiterer Faktor ist laut Hafner, dass viele Frauen mit ihren EhemĂ€nnern, die ebenfalls Wissenschaftler waren, zusammenarbeiteten und dadurch oftmals zwar wichtige Arbeit leisteten, am Ende aber nicht gewĂŒrdigt wurden – die Errungenschaften wurden ihren EhemĂ€nnern oder Kollegen zugeschrieben.

MĂ€nner im Rampenlicht

Dabei spielte in der vergangenen Zeit wohl auch ein fehlerhaftes VerstĂ€ndnis von Wissenschaft eine Rolle. „Wissenschaft ist eine Gemeinschaftsleistung, und die Erkenntnisse werden von einer Generation zur nĂ€chsten weitergegeben“, sagt Hafner in einer Podcast-Episode von Lost Women of Science. Lange habe aber die sogenannte Great-Man-Theory vorgeherrscht, die die Idee beschreibt, dass die Geschichte hauptsĂ€chlich von einzelnen Individuen, meist von MĂ€nnern, bestimmt wird.

In diesem Sinne wurden lange Zeit auch bahnbrechende wissenschaftliche Errungenschaften nur einem Wissenschaftler oder einer kleinen Gruppe von Wissenschaftlern zugeordnet – auch das waren meist MĂ€nner. „Dabei ist Wissenschaft Ă€ußerst kollaborativ“, sagt Hafner. Dass in diesem Zusammenspiel viel mehr Frauen beteiligt waren als lange anerkannt wurde, kommt aber erst langsam ans Licht.


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NEUER BEITRAG03.07.2025, 17:19 Uhr
Nutzer / in
arktika

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So beispielsweise im Fall der Astrophysikerin Jocelyn Bell Burnell, die 1967 sogenannte Pulsars, also pulsierende Radioquellen eines Neutronensterns, entdeckte. Den Nobelpreis fĂŒr Physik im Jahr 1974 bekam ihr Doktorvater Antony Hewish, der zwar gemeinsam mit Bell Burnell forschte, fĂŒr die Entdeckung der Astrophysikerin aber letztendlich alleinig ausgezeichnet wurde. Auch der Mikrobiologin Esther Lederberg wurde der Gewinn eines Nobelpreises zugunsten ihres Ehemanns und zwei weiteren Kollegen versagt. 1958 gewannen Joshua Lederberg, George Wells Beadle und Edward Tatum den Nobelpreis fĂŒr Medizin. Esther Lederberg, die die wichtige Forschung zur genetischen Rekombination und zum bakteriellen Erbgut leitete, saß lediglich im Publikum.

Auswirkungen auf die aktuelle Forschung: Die Gender Citation Gap

Trotz enormer Fortschritte im Bereich der Geschlechtergerechtigkeit in der Forschung in den letzten Jahrzehnten, ist der Matilda-Effekt bis heute relevant: Nobelpreisgewinner sind noch immer hauptsĂ€chlich weiß und mĂ€nnlich, vor allem in den MINT-Kategorien, also Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Und auch abseits des Nobelpreises zeigt sich der Effekt bis heute. WĂ€hrend Frauen damals kĂ€mpfen mussten, um ĂŒberhaupt ernst genommen zu werden, sind Überreste der misogynen Sichtweise von frĂŒher heute immer noch zu erkennen.

Messbar ist das an der sogenannten Gender Citation Gap. Diese besagt: In wissenschaftlichen Arbeiten werden ĂŒberproportional hĂ€ufig mĂ€nnliche Forschende zitiert, wĂ€hrend weibliche Forschende ausgelassen werden. „Der Matilda-Effekt zeigt eine erstaunliche Persistenz, und das, obwohl der Frauenanteil auf allen akademischen Karrierestufen deutlich ansteigt“, sagt Malte Steinbrink, Inhaber des Lehrstuhls fĂŒr Anthropogeographie der UniversitĂ€t Passau und Koautor einer aktuellen Studie, die den Matilda-Effekt in der Humangeographie erforscht. Veröffentlicht werden die Ergebnisse in diesem Jahr in dem Fachmagazin GW-Unterricht.

Mit seinen Kollegen Philipp Aufenvenne, Christian Haase und Max Pochadt untersuchte er die Unterschiede in der HĂ€ufigkeit, mit der Frauen und MĂ€nner in wissenschaftlichen Arbeiten zitiert werden. Die Ergebnisse der Studie sind eindeutig: „In der deutschen Humangeographie ist die Zitationsrate der Frauen um fast 40% niedriger“, so Aufenvenne. Das sei in anderen Disziplinen Ă€hnlich.

Das Forschungsteam sieht eines der Probleme in unbewussten Voreingenommenheiten: „In der Wissenschaft wird das unter dem Ansatz der role congruity theory diskutiert. Das Bild vom ,mĂ€nnlichen‘ Wissenschaftler ist nach wie vor gesellschaftlich prĂ€gend“, so die Forschenden. In Bezug auf die Forschung besagt diese Theorie, dass Menschen MĂ€nner in der Wissenschaft als kompetenter wahrnehmen, weil sie in das Bild passen, das sie ohnehin von einem „typischen“ Wissenschaftler haben: weiß und mĂ€nnlich. So zeigen Studien beispielsweise, dass die Arbeiten mĂ€nnlicher Autoren bis heute oft ernster genommen werden als solche, die von Frauen verfasst wurden – ein Umstand, der die Arbeit von Wissenschaftlerinnen unsichtbar werden lĂ€sst.

Diese sogenannten Gender Bias gibt es laut Steinbrink sowohl bei MĂ€nnern als auch bei Frauen: Beide Geschlechter zitieren Wissenschaftler ĂŒberproportional hĂ€ufiger als Wissenschaftlerinnen – die unbewussten Vorurteile machen also oft auch vor den Wissenschaftlerinnen selbst nicht halt.

Wie kann man gegen den Matilda-Effekt ankÀmpfen?


Um die Ungleichheit in der Forschung auszugleichen, muss an verschiedenen Punkten angesetzt werden: Einerseits mĂŒssen Wissenschaftlerinnen sichtbar gemacht werden, die in der Vergangenheit nicht gewĂŒrdigt wurden, und andererseits muss sich ein stĂ€rkeres Bewusstsein fĂŒr Ungleichheiten in der aktuellen Forschung ausprĂ€gen. „Unseres Erachtens sind insbesondere bildungspolitische Maßnahmen geeignet. Es muss um Bewusstseinsbildung und das Hinterfragen der eigenen Zitier- und Lesepraxis gehen“, so Steinbrink. Das mĂŒsse bereits in der schulischen Ausbildung beginnen: „Unsere Annahme ist: Wenn mehr Frauen gelesen werden wĂŒrden, wĂŒrden Sie auch mehr zitiert“, ergĂ€nzt Aufenvenne.

Katie Hafner geht es vor allem um die Aufarbeitung vergangener VersĂ€umnisse. „Wenn MĂ€dchen und junge Frauen sehen, dass es ein ganzes Meer von Frauen gibt, die vor ihnen da waren und erstaunliche wissenschaftliche Leistungen erbracht haben, dann wird das in historischer Hinsicht normalisiert“, sagt sie. Das war es auch, was Margaret Rossiter mit der Benennung des Matilda-Effektes beabsichtigte: die Wissenschaftsgeschichte zu vervollstĂ€ndigen. Denn nur so können auch aktuelle und zukĂŒnftige BeitrĂ€ge von Frauen in der Wissenschaft sichtbar gemacht werden.


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